Die Entwicklung des Bauens von der Industrialisierung bis heute

[…] Als Selbsthilfeprojekte zur Milderung der Wohnungsnot bildeten sich dabei nach 1918 aus engagierten Personenkreisen heraus kleine Produktivgenossenschaften zur Förderung des Kleinwohnungsbaus, an denen sich bald auch Gewerkschaften, Wohnungsfürsorgegesellschaften und selbst einige Städte finanziell beteiligten. Es gab kaum eine gesellschaftliche Gruppierung, die nicht eine eigene Wohnungsbaugesellschaft gegründet hätte. "1926 zählte man in Deutschland etwa 4000 solcher Vereinigungen" (Kurt Junghanns, 1993). Während kürzester Zeit wurde so eine unglaubliche Zahl an Wohnungen geschaffen, allein für das Jahr 1927 wird eine Ziffer von 288 000 angegeben und der Durchschnitt zwischen 1918 und 1935 lag bei mehr als 177 000 Wohnungen pro Jahr (Günther Schulz 1993). Dem stand ein geschätzter Fehlbestand von 1-1,5 Millionen gegenüber. Mit der Weltwirtschaftskrise von 1929 fand auch diese beeindruckende Leistungsphase des Baugewerbes, ein jähes Ende.

Eisenbeton- und Stahlbetonbau

Dem bereits weit entwickelten Eisenbau mit seinen allseits bewunderten kühnen Konstruktionen erwuchs um die Mitte des 19. Jahrhunderts ein Rivale, der nach schwierigen Anfängen alsbald zum ernsthaften Konkurrenten heranwachsen sollte. Der Gärtner Joseph Monier entdeckte bei zahlreichen Versuchen, seine betonierten Pflanzkübel frostbeständig zu machen, die gigantischen Möglichkeiten des Eisenbetons, die alsbald in Patenten für Produkte aller Art aus Zement mit Eiseneinlage – Rohre, Platten, Treppen, gewölbte Brücken, Eisenbahnschwellen, Gewölbe und Balkenträger – mündeten. Voraussetzung dafür waren die erfolgreichen Experimente der englischen Zementpioniere Smeaton und Aspdin zur Herstellung eines wasserfesten Zements: Der berühmte, aus Ton und Kalk gebrannte und zum Sintern gebrachte Portlandzement, der ab 1852 auch in Deutschen Landen hergestellt wurde.

Dem neuen Baustoff Eisen- oder Stahlbeton wurde anfangs größtes Misstrauen entgegengebracht. Die Hauptvorwürfe der Gegner zielten dabei auf die fragliche Haftung der Eisen am Beton, die bei unterschiedlichen Wärmeausdehnungskoeffizienten der Materialen Probleme mit sich bringen könnten. Ein weiterer Einwand betraf die Rostsicherheit der Eisenarmierung.

Nach anfänglichen gravierenden Unsicherheiten, betreffend die Verarbeitungsmethoden und auch die Belastbarkeit des neuen Werkstoffes, die auch zu zahlreichen Einstürzten führten und damit teilweise Anwendungsverbote seitens der Baupolizei nach sich zogen, wurde 1887 von Gustav Adolf Wayss die „Monierbroschüre“ herausgegeben, die klare, von Matthias Koenen entwickelte Berechungsgrundlagen für die Stahlbetonbauweise enthielt. Damit war der Siegeszug des vielversprechenden neuen Baustoffs durch nichts mehr aufzuhalten. Der Betonbau eroberte sich immer breitere Marktanteile, überraschenderweise nicht nur gegenüber dem Stahlbau, sondern auch gegenüber dem traditionellen Massivbau aus Ziegeln, obgleich mit der Überwindung des Handstrichziegels durch maschinell hergestellte Normziegel ab 1872 eigentlich neue Konkurrenzfähigkeit seitens der Ziegelindustrie entstanden war. Dennoch dauerte es noch bis 1916, bis vom Deutschen Ausschuss für Eisenbeton reichseinheitliche Bestimmungen zur Verwendung von Eisenbeton Gültigkeit erlangten und damit alle präventiven baupolizeilichen Einschränkungen aus der Welt geschafft waren. Wurden zunächst hauptsächlich Deckenplatten aus Stahlbeton auf eisernen Unterzügen und Gusseisenstützen realisiert, so revolutionierte Francois Hennebique das System, indem er 1890 erstmals das gesamte Bauskelett, also Stützen, Träger und Deckenplatten, in einem Guss aus Stahlbeton herstellte. In rascher Folge entstanden immer kühnere Konstruktionsmethoden, schon um 1900 beispielsweise die ersten dünnen Schalenkonstruktionen, die in den 1920er Jahren mit beeindruckenden Spannweiten und filigran anmutenden Materialquerschnitten bei Hallenbauten bereits Triumphe feierte. Im proportionalen Vergleich waren diese Schalen bereits dünner als die eines Hühnereis. Unterstützend wirkte hier auch das gerade entwickelte Torkret-Verfahren (Spritzbeton), das sich sehr hilfreich beim Aufbringen des speziell dazu entwickelten schnellbindenden Zements erwies, nur kleine, leicht versetzbare Schalungstafeln waren dazu notwendig. Selbst mit Schalen aus doppelt gekrümmten Flächen, sogenannten hyperbolischen Paraboloiden (HP-Schalen), wurde bereits experimentiert. Interessant waren diese Bauweisen sicherlich nicht zuletzt deshalb, weil sie in der von extremer Materialknappheit geprägten Nachkriegszeit deutlich reduzierten Materialeinsatz versprachen. Man denke nur an den Mangel an Stahl, der durch die Besetzung des Ruhrgebietes 1923 extrem verschärft wurde, obgleich natürlich die nach dem Versailler Vertrag weggefallene Rüstungsproduktion auch Stahlkontingente frei werden ließ. Doch dies wirkte sich erst gegen Ende der 1920er Jahre aus. Und tatsächlich ist diese Zeit dann auch geprägt von der Suche der Stahlindustrie nach neuen Absatzmärkten. Zahlreiche Versuche, dem Stahl auch im Hochbau neue Perspektiven zu eröffnen, belegen dieses Ansinnen. Einige Versuchshäuser dieser Zeit, bisweilen inklusive der Außenhaut ganz in Stahlbauweise errichtet, dokumentieren noch heute diese bemerkenswerte Phase des Experimentalbaus.

Die Innovationskraft kennt zu dieser Zeit keine Grenzen und wirkt in der Rückschau wie ein Brennspiegel der bautechnischen Erfindungen: auch die ersten Stahlnetzwerke sind ein Produkt der 1920er Jahre.

Die Begeisterung für die fast unbeschränkten Möglichkeiten des Stahlbetons kannte hingegen keine Grenzen, so dass es nicht verwundert, dass seit den 1920er Jahren die ersten Sichtbetonbauten realisiert wurden, die den modernen Baustoff nicht mehr hinter einer meist historisierenden Fassade versteckte, sondern Baustoff und auch Konstruktion ganz offen und selbstbewusst präsentierte. Rein quantitativ betrachtet dürfte der Zeitraum um 1930 dann etwa die Phase bezeichnen, in der Stahlbetonbauten den reinen Stahlbau erreichten und anschließend zu überflügeln begannen. Eine zentrale Rolle bei diesem quantitativen Wachstum spielten ironischerweise weitere qualitative Verbesserungen in der Stahlproduktion. Die Entwicklung hochfester Stähle, zu der sicherlich in nicht unerheblichem Maße die stark militärisch ausgerichteten Forschungen der damaligen Zeit beigetragen haben dürften, machte ab Mitte der 1930er-Jahre erste Spannbetonkonstruktionen möglich – eine Technik, die der Betonbauweise in Form von Flächentragwerken und Spannbetonbrücken neues Terrain zufallen ließ. Die Bildung feiner Risse im Beton wurde schon in den Anfangszeiten des Stahlbetons als Problem erkannt. Man kam deshalb früh auf den Gedanken, diese Risse dadurch zu verhüten, dass man den Beton durch Anspannen von Stahlstäben unter Druck setzte oder vorspannte. Der Grundgedanke der Vorspannung ist, den Beton vor der eigentlichen Belastung überall dort unter Druck zu setzen, wo die Belastung Zugspannungen erzeugt, so dass auf der Zugseite erst diese Druckvorspannungen abgebaut werden müssen, bevor tatsächlich Zug im Beton auftritt. Seine durchgreifende Wirkung entfaltete die Spannbetontechnik allerdings erst nach dem Krieg ab den 1950er-Jahren.

Nachdem ab 1933 zunächst wiederum die Schaffung von Wohnraum zentrales Thema des Baugeschehens war, wurden die Baubetriebe in der folgenden Phase mehr und mehr von öffentlichen Bauaufgaben absorbiert, Arbeitskräfte und Material aus dem Wohnungsbau abgezogen. Einen immer größeren Anteil nahmen dabei die Kriegsvorbereitenden Maßnahmen ein, so dass der dringend notwendige Wohnungsbau vollkommen vernachlässigt wurde. Mittelständische und kleine Unternehmen gerieten in dieser Phase der fieberhaften Aufrüstung und Kriegsvorbereitung trotz guter konjunktureller Rahmenbedingungen zunehmend unter die Räder. […]

Auszug aus: Meilensteine modernen Bauens (S.15ff). Bauverband Südbaden. Modo-Verlag.