Stadtmuseum Wiesbaden

Leitidee des gesamten Entwurfs ist die architektonische Visualisierung von Schichtungen als sich überlagernde Zeitebenen. Analog dem Prozess der sukzessiven Überlagerung von Zeitschichten kann der Baukörper des Stadtmuseums als Ergebnis von Ablagerungen in horizontalen Schichtungen erlebt werden. Konsequenterweise wird nicht eine skulpturale, sondern eine additive Auffassung formbestimmend. Der Schicht um Schicht erfolgende Betonguss wird dabei zum Sinnbild für Prozesshaftigkeit. Unterstreichend wirkt eine horizontale Strukturierung durch Einfärben des Betons in Beige-, Ocker- und Grautönen.

Wichtiges Kriterium der Gesamtgestaltung ist ein sensibler und kreativer Umgang mit dem historischen, hier natürlich insbesondere dem historistischen architektonischen Erbe der Stadt Wiesbaden. Die Plastizität, die neobarocke Dynamik und Vertikalgliederung der Fassadengestaltung historistischer Häuserzeilen findet sich – in eine zeitgemäße Formensprache übersetzt – in dem Museumsneubau wieder. Da sind vor allem die zusammengesetzte Gesamtform, die verschiedenen Vor- und Rücksprünge und die Vertikalgliederungen zu nennen, die das Motiv der historischen plastischen Fassadengestaltung, wie sie früher beispielsweise durch Risalite, Gesimse oder Pilaster erreicht wurden, aufgreifen.

Der differenzierte Baukörper fügt sich sensibel in die speziellen Parameter dieser städtebaulichen Schnittstelle. Ein markantes, fest verankertes Volumen setzt ein starkes Zeichen und formuliert eine adäquate Antwort zum gegenüber liegenden historistischen Blockrand. Gleichzeitig entsteht an dieser Übergangsstelle von lockerer Villenbebauung und festem Stadtgefüge eine repräsentative Torsituation. Der Neubau zeigt sich dabei als Pendant des Landesmuseums. Kolonnaden begleiten dort die Wilhelmstraße und werden beim Neubau aufgegriffen, an der Wilhelmstraße als Negativvolumen in Form eines Fassadeneinschnitts. Das Thema rekurriert dabei auch auf die Tradition von Arkaden und Kolonnaden von Wiesbaden als Kurstadt. Die bisher inhomogene und zerfließende städtebauliche Situation erhält mit dem Neubau ein stabiles Rückgrat, das in der Lage ist, die Räume zu ordnen und zu festigen. Eine offene Wunde der Stadtgeschichte wird geschlossen.

Das Freiraumkonzept unterstützt die Verbindung der offenen Räume zu einem Gesamtraum nachhaltig. Eine einheitliche, begehbare Flächengestaltung gliedert den Gesamtbereich zwischen Messe, Landesmuseum, Stadtmuseum, sowie dem Freiraum im Norden und Osten. Differenzierte Bereiche, kleine Plätze oder Themengärten, bringen eine hochwertige individuelle Gliederung, die Größe und Maßstab der östlichen Villenbebauung zitieren. Die Platanenreihe vor dem Stadtmuseum wird vor dem Landemuseum als Fontänenpromenade weitergeführt und mit Bodenstrahlern in Szene gesetzt. So erfährt auch diese Fassade respektvolle Annäherung und die notwendige Einbindung in das Gesamtensemble. Eine Sockelausbildung von 50 cm hebt den Museumsneubau unmerklich über das Normalniveau und schafft damit eine bessere Sichtbeziehung zum Erleben der städtebaulichen Zusammenhänge. Das Freiflächenkonzept wird überall durch speziell angepasste Beleuchtungssysteme verdeutlicht.

Die Organisation der Räumlichkeiten im Inneren ist geprägt vom Dialog zwischen Geschlossenheit und Öffnung. Der Konzentration auf die Ausstellung folgt der entspannende Blick durch die Raumfolgen – eine sorgfältige Inszenierung spannender Sicht- und Lichtbeziehungen. Gleichermaßen wird der Blick an markanten Stellen auch ins Freie geleitet. Spannende Ausblicke ergeben sich auf Altstadt, Kurpark und die Kultur-/ Kongressmeile. Terrassen bieten zusätzlich hochwertige Aufenthaltsqualitäten und Ausblicke. Der Stadtraum wird neu gestaltet und neu erfahren.

Das Thema Schichtung, das bereits außen am Bau erfahrbar wird, setzt sich im inneren fort. Nicht nur in Form der Materialien, sondern auch in der historisch kongruenten Stapelung der Ausstellungsflächen, die sich chronologisch von unten nach oben schichten. Der vertikale Erschließungsweg ist, ähnlich einem archäologischen Sondierungsgraben, konzeptionell als Verbindung der Schichten angelegt und wird zum Gang durch die Zeiten. Er bindet alle Ebenen zusammen und inszeniert dabei immer wieder animierende Einblicke in die Ausstellungsräume. Das Motiv des verbindenden Raumkonzepts wird schon im zweigeschossigen Foyerbereich thematisiert, wo ein Blick in den Tiefhof die unteren Schichten „freilegt“.

Eine weitgehende Neutralität und Gleichwertigkeit der Flächen im Sinne des „white cube“ gewährleistet höchste Flexibilität in der Nutzung. Lufträume verbinden die Wechselausstellungen. Durch die Möglichkeit beispielsweise Galerien einzuziehen oder Räume vertikal zusammen zu fassen wird eine Vielzahl speziell angepasster Sonderlösungen realisierbar. Verbindende Elemente offeriert der Baukörper auch im Eingangsbereich, der den Besucher mit einladenden Gesten und großer Selbstverständlichkeit im Museum empfängt.

Ziel der Planung ist es, in der Landeshauptstadt Wiesbaden ein unverwechselbares städtebauliches Zeichen zu setzen, das der historischen Tragweite und dem damit verbundenen Repräsentationsanspruch dieser prominenten Bauaufgabe gerecht wird.